Es scheint ein tröstliches und weises Konzept, dass Zerbrochens nicht nur gekittet werden kann, sondern danach schöner und wertvoller ist als je zuvor. Das gilt gerade in diesen Zeiten, in denen so viele Risse offenkundig werden, die sich überall und um jeden und jede herum auftun. Lebten wir Kintsugi, global betrachtet, lokal betrachtet, individuell und personal betrachtet, ergäbe sich da ein schönes Bild:

Konflikte werden nicht kalt und unsichtbar ausgetragen, die entstandene Zerstörung nicht einfach beseitigt, es gehört nicht einfach zusammen, was jetzt plötzlich zusammengehören soll. Es dürfen Narben bleiben und diese Narben werden gezeigt. Nicht angeberisch, sondern als Ausdruck der selbstbewussten Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, den eigenen Spuren und den eigenen Fehlern.

Kintsugi wäre keine Wiederauferstehung, keine Zombiehoffnung.

In Kintsugi zeigt sich nicht die kindliche Hoffnung, dass schon alles wieder gut werden werde. Das wird es nicht. Kintsugi heißt auch nicht, dass man sich damit abfindet, dass die Dinge eben so sind, wie sie sind und man sie nicht ändern kann. Es wird da nicht verdrängt, glattgebügelt oder ein Status Quo wiederhergestellt.

So scheint es zunächst ein Grund zur Freude, dass sich plötzlich so viele Menschen mit dieser Kunst beschäftigen.

Aber Kaffeekannen, Bierkrüge und Beziehungen? (Googeln Sie mal, dann sehen sie es, direkt neben den überaus ästhetischen Teeschalen, glauben Sie es ruhig.)

Es ist an sich nicht erstaunlich, dass eine Kunst zu einem DIY Trend wird. So geht es den Künsten wie den Subkulturen häufig, wenn das große Ganze sie integriert. Sie kennen das von Batikhemden, Killernieten, Palitüchern und Baggypants zur Genüge.
Häufig bleibt bei all der Integration dann doch etwas übrig vom ehemals Aufbegehrenden. Das Denken verändert sich. Wenigstens ein wenig.

Aber einfach mal fett Gold auf alles schmieren? Pappt, passt schon?

Kintsugi, so wie ich es verstehe, bedeutet etwas anderes.

Es erinnert daran, Fehler nicht zu häufig zu wiederholen.

Es ermahnt zur Achtsamkeit.

Es fragt immer auch: Wie viel kaputt kannst du ertragen?

Es sagt: Sei umsichtig.

Nicht aus Angst.

Nicht aus Erwartung.

Sei es aus Erfahrung und

im Bemühen und

in der Übung.

Dann kostet es dich auch weniger.

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