Noch 14 Tage bis Himmelfahrt. Ihr graute vor diesem Tag, Dann wäre hier wieder alles völlig überlaufen. Es war ja im Moment schon schlimm genug. Als sie am Morgen auf den Parkplatz gefahren war, in aller Frühe, hatte sie eigentlich nicht damit gerechnet, auf so viel Gesellschaft zu treffen. Um diese Zeit war hier für gewöhnlich gähnende Leere, denn niemand stand am Wochenende so früh auf. 

Doch seit einigen Wochen war alles anders. Man hatte den Spaziergang und das Wandern für sich entdeckt. In diesen Zeiten eine sehr gesunde Angelegenheit, so wurde verbreitet.

Der Mensch sitze ja ohnehin schon zu viel und nun, im Homeoffice, in Kurzarbeit oder einfach nur in Zeiten des Rückzugs in die sicheren Heimstätten, müsse man doch auch etwas tun, man müsse doch auch mal an die frische Luft. Die Sportartikelbranche war begeistert.

Kurz überlegte sie, den einzigen freien Parkplatz einfach frei zu lassen und an einen anderen Ort zu fahren. Aus Erfahrung wusste sie aber bereits, dass es dort kaum anders sein würde.

So war sie dann seufzend aus ihrem Kleinwagen ausgestiegen, hatte die Heckklappe geöffnet, die  Sneakers gegen die Wanderschuhe getauscht und war losmarschiert.

Auf dem Weg zur Brücke hörte sie schon die Unterhaltungen vom gegenüberliegenden Ufer des Flusses herüber schallen. Als sie in die Richtung sah, aus dem das Geschnatter kam, sah sie auch schon eine farbenprächtige Ansammlung moderner Funktionskleidungsträger und -trägerinnen, die in geordneter Reihe den Weg herunter kamen.

Ein Blick den Fluss hinauf verriet, dass auch der Kranich und die beiden Gänse das Weite gesucht hatten. Selbst das in den letzten Monaten lauter gewordene Zwitschern der Vögel wurde von den sicherlich immens wichtigen Gesprächen der Wandergruppe übertönt. Nicht einmal der Specht und der Uhu waren zu hören, stellte sie fest, als sie in der Mitte der Brücke Halt machte, die Fische im Fluss beobachtete und darauf wartete, dass die Truppen vorüberzogen.

Das dauerte. Es dauerte viel zu lang. Es dauerte so lang, dass sie schließlich einen Entschluss fasste.

Prüfend sah sie sich die beiden Ufer des Flusses an, wandte sich schließlich wieder in die Richtung, aus der sie gekommen war und ging ein Stück am Rand des Parkplatzes entlang. Nur dreimal wurde sie fast überfahren, nur viermal musste sie im letzten Moment zur Seite springen um nicht mit jemandem zusammenzuprallen, der in diesen schweren Zeiten offenbar besonders stark auf menschliche Nähe angewiesen oder auch des sozialen Lebens so entwöhnt war, dass er oder sie nicht mehr wusste, wo der Körperraum anderer Menschen endete.

„Man sollte Baseballschläger verteilen in den Testzentren, dann klappt das auch mit dem social distancing“, dachte sie gerade, als sie entdeckte, was sie suchte: Hinter dem Bauzaun führte ein kleiner Pfad, sie glaubte sogar Stufen zu entdecken, als habe sich dort einmal eine Treppe befunden, den Uferhang hinab.

Sie schob den Bauzaun ein wenig auf, schlüpfte durch die Lücke und stieg vorsichtig die kurze Strecke zum Wasser hinab. Dort fand sie eine Art Terrasse vor, die es ihr erleichterte, ihr Ziel zu erreichen. Mit einem Satz sprang sie in den Fluss, der nur wenig Wasser führte und machte sich auf den Weg, den Fluss hinauf. 

Ihre alten Wanderschuhe sogen sich schon nach kurzer Zeit voll Wasser, dann die Wollsocken und sie genoss die Kälte des Wassers auf ihrer Haut.

Nach etwa hundert Metern bemerkte sie in der Mitte des Flusses einen Angler, der sie nur für einen Moment erstaunt und dann prüfend ansah, anschließend, als er sich versichert hatte, dass sie seinen Fischgründen nicht zu nahe kommen würde, stumm nickend grüßte und seinen Blick wieder auf die Wasseroberfläche richtete.

Langsam watete sie weiter den Fluss hinauf.

Als sie an der zweiten Brücke anlangte, stellte sie fest, dass es jetzt wohl Zeit sei, den Spaziergang zu beenden, da sie ihre Füße kaum noch spürte. An einer geeigneten Stelle krabbelte sie den Hang wieder hinauf. Als sie aus dem Gebüsch trat, um ihren Weg zurück durch die Aue zu nehmen, wurde sie von dem Raucher, der jeden Tag auf der Bank dort saß, schon mit: „Was machen Sie denn da?“ begrüßt.

Sie wünschte ihm einen guten Morgen und schritt fröhlich voran. „Sie wissen schon, dass das verboten ist? Das ist alles Bahngelände hier.“, schallte er hinter ihr. „Ich habe eine Fahrkarte“, rief sie ihm über die Schulter zu.

Das Laufen in den nassen Schuhen und Socken war nicht angenehm und machte laute Geräusche, so überlegte sie kurz, ob sie vielleicht barfuß weitergehen sollte. Sie entschied sich jedoch dagegen, denn die Strecke bis zum Parkplatz war kurz und der Weg, den sie zu gehen hatte, steinig und mit Kastanienschalen aus dem letzten Herbst übersät, die noch nicht verrottet waren.

Schon bald war sie wieder auf dem Parkplatz angelangt. Sie schloss auf, öffnete die Heckklappe und wechselte die Schuhe. In den Sneakers angekommen, bemerkte sie deren trockene Wärme, schloss für einen Moment genießend ihre Augen. Dann beugte sie sich vornüber, um die nassen Wanderschuhe wieder im Kofferraum unterzubringen. Sie hob sie auf, richtete sich auf, wollte die Schuhe gerade über den Rand des Kofferraums heben, als sie inne hielt und ihre Hand öffnete.

Mit einem leisen Geräusch fielen die Wanderschuhe zu Boden. WanderWoman reckte ihren Arm gen Himmel, ihr Blick folgte dabei ihrer Hand, die sie zur Faust geballt hatte.

Als ich heute Morgen über den Parkplatz fuhr, um Brötchen und Zigaretten zu holen, standen, in etwas mehr als schulterbreitem Abstand, auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt, einsam und verlassen, zwei ausgetretene schmutzige Wanderschuhe, die Schnürsenkel offen, die Zungen etwas herabhängend.

„Ist Himmelfahrt nicht erst in vierzehn Tagen?“, fragte ich mich.

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