Sie feierten so ausgelassen, wie das hier möglich war, den Nationalfeiertag. Nach einem anstrengenden Arbeitstag hielt sich der Frohsinn in Grenzen aber eine Gelegenheit für eine kleine Feier ließen sie sich nicht entgehen. Es war laut, die Luft im Raum war zum Schneiden dick, gesättigt von Zigarettenrauch, Schweiß, einem Hauch Alkoholdunst und Gesang.

Grigol stand etwas abseits und sah aus dem Fenster des Containers über die Folienwüste hinweg, als Valdas hinter ihn trat und ihn leise ansprach: „Na, was beobachtest du da draußen so intensiv?“ und sah ihm über die Schulter „Ah, ich sehe, du siehst dir mal wieder unseren „Georgischen Traum“ an.“

Grigol kicherte leise und begann mit übertriebenem Pathos, die Nationalhymne zu summen. „3870 Kilometer sind es übrigens, bis Tiflis, das wolltest du doch gestern wissen,“ sagte er schließlich leise zu Vardas. „Wie hast du das denn jetzt rausgekriegt,“ wollte der wissen. 

„Google natürlich, der Pole hat ein Iphone und noch Guthaben.“ erwiderte Grigol.

„Dreitausendachthundertsiebzig Kilometer,“ wiederholte Valdas langsam, schüttelte sich ein wenig, richtete sich auf und rief zu den anderen herüber: „He, hört mal, es sind 3870 Kilometer bis Tiflis. Wer hat gewonnen, wer war am nächsten dran, naaaa? Los Leute, Kohle raus und an den guten Valdas abgeben.“

Grigol schüttelte leicht belustigt den Kopf und sah wieder konzentriert aus dem Fenster. 

Die Plastikplanen reflektierten leicht das Mondlicht. Schön sah das aus. 

Grigol sah auf seine Armbanduhr. Es wurde Zeit. Er fühlte noch einmal schnell in seiner Hosentasche nach, nahm seine Jacke vom Haken an der Wand und ging an den Kollegen, die laut schimpfend ihre Wettschulden bei dem noch immer laut jubilierenden Valdas beglichen, vorbei auf die Tür des Containers zu. Der alte Jossip bemerkte ihn, sah ihn eindringlich an und nickte ihm wohlwollend und freundlich zu.

Das blieb nicht unbemerkt und schon bald johlten ihm einige der anderen zu: „Hui, Grigol, triffst du dich wieder mit deiner Liebsten? Grüß sie von mir! Und treibt es nicht zu doll, morgen früh geht es wieder auf das Feld, da musst du fit und ausgeruht sein.“ 

Grigol grinste die spottenden Kollegen nur an und verließ den Raum. Draußen war es recht kühl, aber er genoss die frische Luft. 

Nach einem erneuten Blick auf seine Uhr ging er langsam den noch etwas schlammigen Pfad entlang, bis er an den Rand der Containergruppe gelangte. Wie an jedem Abend schlich er sich durch das Loch im Zaun heraus. lauschte einen Augenblick in die Nacht hinein und stellte fest, dass er auch heute nicht entdeckt worden war.

Schnell wandte er sich auf der schmalen Landstraße nach rechts und ging zügig zum Treffpunkt. 

Grigol lächelte glücklich: Da stand die Weide. An seinem, nein, an ihrem Baum angekommen, setzte er sich auf den Boden, sah noch einmal auf die Uhr und stellte erfreut fest, dass er es rechtzeitig geschafft hatte. 

Behutsam holte er etwas aus seiner Hosentasche. Das Mondlicht war heute hell genug und so konnte er das blaue Eichhörnchen auf dem alten Schubladenknauf gut sehen. 

Genau jetzt würde Mara das auch tun. So hatten sie es verabredet. 

Grigol sah in den Himmel. Es war klar und der Mond war gut zu sehen. Auch in Kakabeti war der Himmel heute wolkenlos, da war er ganz sicher. Und er hatte das Gefühl, dass er da oben den Glanz des Schubladenknaufs in Maras Hand sehen konnte. 

Das uralte Porzellan schimmerte kostbar in ihrer Hand und er spürte wie auch sie lächelte, als sie den Mond ansah. 

Ein paar Minuten nahm er sich noch Zeit, dann ging er zurück, es war Zeit schlafen zu gehen. Genauso machte es gerade auch Mara. 

Sie würde den Knauf in die obere Nachttischschublade drehen, das Licht ausschalten und zu Bett gehen. So hatten sie es verabredet. Was waren schon 3933 Kilometer?

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