Geschichte einer Kündigung

Es war sein Beruf, mit Wundern umzugehen. Wunder waren seine Berufung. 

Oft sagte er zu Freunden und Kollegen, dass er sich jetzt schon so lange mit Wundern beschäftigt habe, dass er gar nicht mehr an sie glaube. Wer ihn kannte, lachte darauf und bemerkte etwas wie: „Das ist ja wohl kaum möglich. Du hast doch noch nie daran geglaubt, darum tust du ja, was du tust.“

Das war natürlich nicht ganz von der Hand zu weisen. Selbst der Heilige Vater hatte etwas ähnliches geäußert, als er ihn berufen hatte. Das war nun schon viele Jahre her. Zu viele Jahre, fand Salvatore.

Salvatore glaubt wirklich an nichts. Er glaubte an gar nichts, außer an Gott.

Noch nie hatte er verstanden, warum Menschen überhaupt nach Wundern suchten. Es war ihm völlig unbegreiflich, warum sie danach strebten, etwas unerklärliches zu erleben oder wahrzunehmen, etwas, das sie nicht mit den Naturgesetzen vereinbaren konnten.

Viele hatten eine so große Sehnsucht nach solchen Vorkommnissen, dass sie auch noch den billigsten Taschenspielertrick als Wunder akzeptierten.

Seine Aufgabe war es lange Jahre gewesen, diese Tricks zu entlarven und herauszufinden, in welchen Fällen tatsächlich Wunder geschahen.

Er hatte nie eines gefunden.

Er lächelte, wenn er an all die weinenden Statuen der Jungfrau dachte. Manchmal war es wirklich knifflig gewesen, die verborgenen Mechanismen zu entdecken, die da „Wunder“ wirkten. Noch schwieriger und damit auch interessanter wurde es, wenn den scheinbar unerklärlichen Phänomenen chemische Prozesse zugrunde lagen oder physikalische Gesetzmäßigkeiten sich hinter Erscheinungen verbargen. Diese „Wunder“ waren ihm immer die liebsten gewesen.

Salvatore löste gern Rätsel, die ihm Gott mit seiner Schöpfung aufgab. Gar nicht gern setzte er sich mit denen auseinander, die aus diesen Rätseln Kapital schlugen und die Hilflosigkeit und Glaubensschwäche ihrer Mitmenschen ausnutzten.

Ja, Salvatore betrachtete den Glauben an Wunder als eine Glaubensschwäche. 

Wie konnten sie nach Wundern suchen, wo doch die Schöpfung selbst so wunderbar war? Warum sahen sie das nicht? Sie schritten scheinbar völlig blind durch die Welt. Sie konnten offenbar nicht das sehen, was er sah, nicht erleben, was er fast in jedem Moment seines Daseins spürte.

Diese Welt, geschaffen in solcher Schönheit, lebte. Sie war geschaffen worden von Gott, der oder die sowohl Sinn für die Eleganz von Mustern und Regelmäßigkeiten haben musste, als auch Freude an der überraschenden Vielfalt des Zufalls.

Darüber hinaus hatte Gott den Menschen alles gegeben, was notwendig war, dieses Wunder der Schöpfung zu erkennen.

Manchmal machte ihn der Kleinglaube wütend, der ihm begegnete. Er wollte sie am liebsten anschreien, die Menschen: „Habt ihr eure Sinne nicht beieinander? Begreift ihr nicht, welches Wunder eure eigene Existenz ist? Erkennt ihr nicht, wie ihr selbst Wunder schafft, wenn ihr Musik komponiert, Bücher verfasst oder Kunst bildet? Seht ihr nicht das Wunder in jedem Sonnenaufgang? Was sucht ihr? Ihr könnt im Sommer den Petrichor riechen. Im Winter könnt ihr die Großartigkeit Gottes in jeder Schneeflocke erblicken. In Frühling und Herbst, die Unendlichkeit des ewigen Lebens als Abfolge von Tod und Wiederkehr unter euren Füßen erspüren. Vieles, was eure Vorfahren noch für Wunder hielten, könnt ihr wissenschaftlich erklären. Ist nicht das Wunder genug? Gott lässt euch, euch Menschen, in die Karten schauen, lässt euch lernen, lässt euch verstehen.
Selbst, wenn ihr euch fortpflanzt, ist das mehr Wunder als jedes Tränen vergießende Heiligenbildnis oder jede Spontanheilung. Was sucht ihr? Was wollt ihr noch?“

Da Salvatore aber neben einem klaren analytischen Geist, einem unerschütterlichen Glauben an Gott und der aus beidem resultierenden Skepsis gegenüber dem allzu Menschlichen auch einen ausgeprägten Sinn für Humor besaß, stimmte er in solchen Momenten lieber leise summend „Lass uns ´n Wunder sein“ von Rio Reiser an, lächelte dabei freundlich und ging lieber weiter seiner Wege, als laut zu werden. Er wusste, es wäre vergeblich.

In den letzten Jahren war er nicht mehr so häufig durch die Welt gereist wie früher. Der Vatikan ließ nur noch Wunder prüfen, die im Zusammenhang mit Heilig- oder Seligsprechungen standen. Das war notwendig geworden, da die Zahl gemeldeter Wunder stetig angestiegen war. Die Medien füllten sich unaufhörlich mit Berichten über Erscheinungen von Heiligen, unerklärlichen Wunderheilungen und ähnlichen Ereignissen. 

Die Zahl der Kuriositäten und Absurditäten wurde dabei ebenso immer größer. Da gab es Bilder von Toastscheiben, die Ähnlichkeiten mit den Abdrücken auf dem Turiner Grabtuch hatten, Rauchwolken, die Abbilder Satans zu sein schienen und ähnlichen Unsinn. 

Als er einen Bittbrief erhalten hatte, in dem er darum ersucht wurde, den Schiss einer Lachmöwe zu untersuchen, dessen Umrisse dem Bild Jesu am Kreuz gleichen sollten, wusste er, dass das Ansehen seiner Institution einen Tiefpunkt erreicht hatte und hatte kurz überlegt, ob er doch Religionslehrer werden sollte. Die neue Regelung zur Beschränkung der Untersuchungen von Wundern hatte ihn sehr erleichtert und dazu bewogen, doch bei der Sache zu bleiben und nicht in die Schule zu fliehen. 

Manchmal fand er es schade, dass im Büro nicht mehr so viel los war. Er vermisste es in aller Welt unterwegs zu sein.

Doch heute war es wieder einmal so weit, Salvatore reiste. Das Resultat seiner Reise, seiner Untersuchung und seiner anschließenden Bewertung der Vorgänge schien ihm schon jetzt sehr vorhersehbar. Gott war allmächtig und hatte es nicht nötig, Beweise seiner Existenz zu liefern, allein die Vorstellung war absurd. Trotzdem war er wie immer ein bisschen aufgeregt und gespannt auf das, was ihn diesmal erwarten würde.

Die letzte Etappe seiner Reise verbrachte er wie immer damit, das Dossier über die Vorgänge, die untersucht werden sollten, noch einmal zu lesen. Es war nicht leicht, sich in dem schaukelnden Bus auf die Lektüre zu konzentrieren. Immer wieder schubste ihn jemand, verlor er selbst in einer Kurve die Balance oder wurde dadurch gestört, dass ihn eine mitreisende Person ansprach. Seit er nicht mehr in ziviler Kleidung reisen durfte, geschah das mit unausweichlicher Beständigkeit und kostete ihn viel Energie.

Sein Ziel war zum Glück bislang noch nicht so populär wie andere „heilige“ Orte. Der Schauplatz des vermeintlichen Wunders war von einem Bruder entdeckt worden, der das Erlebte geheimzuhalten geschworen hatte, oder vielmehr schwören musste, dass er ausschließlich dem Heiligen Stuhl darüber berichtet hatte und weiterhin schweigen würde.

Was der Bruder geschildert hatte, schien völlig unwahrscheinlich, da vollkommen sinnlos und Salvatore war sich sicher, dass es sich wieder einmal um einen Kollegen handelte, der mit den Belastungen seines Berufes nicht zurecht gekommen, aber über viele Jahre hinweg zu stolz gewesen war, sich in Therapie zu begeben. 

Trotzdem würde er seine Untersuchung mit aller gebotenen Sorgfalt durchführen, das war er sich, dem Heiligen Stuhl und Gott einfach schuldig.

An der nächsten Haltestelle konnte er endlich aussteigen, freute er sich, verstaute das Dossier in seiner Aktentasche, schloss diese sorgfältig und nahm sie schon einmal vom Boden des Busses auf, um das Fahrzeug möglichst schnell verlassen zu können.

Nachdem Salvatore aus dem Bus gestiegen war, atmete er tief und voller Erleichterung ein. Nur ein kurzer Fußweg, dann kam er an der Brücke über dem Wasserfall an.

Salvatore sah sich prüfend um und vergewisserte sich, dass er allein war und niemand sein Tun beobachten konnte. Schnell kletterte er über das Geländer der Brücke und sprang in das nicht zu tiefe Wasser darunter. Dann schwamm er zu der Stelle, von der aus der Bruder das Wunder beobachtet haben wollte. Er fotografierte, vermaß was er sah und nahm auch einige Wasser- und Gesteinsproben, die er in sterile Behälter gab.

Nur wenige Stunden später stand Salvatore wieder an der Bushaltestelle. Nervös strich er sich durch das noch feuchte Haar, während er Notizen in seinem kleinen Block vervollständigte. 

Es fiel ihm schwer, zu schreiben, da seine Hände nicht aufhören wollten zu zittern. Auch war ihm noch immer übel, da er, erschüttert ob seiner Entdeckung, reichlich von dem sicherlich nicht sauberen Wasser geschluckt hatte, in dem er gearbeitet hatte.

Schließlich gab er auf, schlug mit einem kleinen Knall den Block zu, steckte den Stift in die Brusttasche seiner Jacke und suchte schon einmal seine Fahrkarte aus der Geldbörse heraus.

Ungeduldig starrte er in die Richtung, aus der er seinen Bus erwartete, als könne er dessen Ankunft so beschleunigen.

Endlich kam der Bus an, Salvatore stieg ein, fand einen leeren Sitzplatz und sank darauf nieder.

Lang saß er ruhig dort und sah aus dem Fenster. 

Kaum jemand traute sich, den so ernst, fast verzweifelt wirkenden Mann anzusprechen. So konnte Salvatore in Ruhe darüber nachsinnen, welche Konsequenzen seine Entdeckung habe.

Kurz bevor der Bus den Bahnhof erreicht hatte, das erste Ziel auf der langen Reise nach Rom, die er noch vor sich hatte, lächelte er voller Bitternis, entfernte den Kragen von seiner Berufskleidung, stopfte diesen nachlässig in seine Aktentasche und stellte sich in den Gang vor die mittlere Tür des Busses.

In der kleinen Bahnhofshalle suchte er das Büro der Bahnhofsmission auf und sorgte dafür, dass seine Aktentasche und deren Inhalt zuverlässig in den den Vatikan gebracht würden. Dann buchte er sein Zugticket um und fuhr zum Flughafen.

Als Salvatore am nächsten Tag in Rio de Janeiro das Flugzeug verließ, fühlte er sich schon etwas weniger verloren.

Salvatore glaubte an gar nichts, außer an sich selbst. Wie er nun erkannte, war das viel.

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