Da sitzt er nun an seinem Tisch, ganz allein, bis auf den Fisch,
wie er immer sitzt um diese Zeit und tut sich dabei furchtbar leid.
Und wie der Goldfisch in dem Glase, dreht er in seiner Trauerblase,
trübe Runden, bis ich rase. Ich flieg und kratz an seiner Türe,
„Besuch!“ so murmelt er, statt dass der Schreck ihm in die Glieder führe,
„Besuch steht vor der Türe!“ 

Oh ja erinn´re dich genau, die Zeiten werden für dich rau,
so wie der warmen Flamme Schein wirft Schatten,
wird Vergang´nes dir erscheinen und auf schwachen zitternd Beinen,
wirst du noch mehr um sie weinen, weinen wirst um Leonore,
deren bleich und grau Gebeine, ich bringe dir vor deine Tore,
Lenor? Leonore! 

Eleonore hieß die Frau, die du einst wie ein eitler Pfau,
so achtlos und so ungenau, weil du nur auf das Versmaß achtest,
schnöde zu Lenore machtest und dir dabei auch noch dachtest,
dass danken müsse dir die Welt, dir, übergroßer Dichterheld,
dem, wenn es ihm denn so gefällt, auch schon mal ein Vokal entfällt,
denn jede Silbe zählt. 

„Die Liebe ist bei dir rhetorisch,“ meint´ Schiller da ganz detektorisch,
„Du wirst immer nur euphorisch, bei den blassen, blutleer, bleichen
endlich stillen Frauenleichen. Nur diese könn´ dein Herz erreichen.“
„Fisch, du bringst mein Blut zum Wallen!“, hört ich´s durch die Stube hallen
und bin fast hinabgefallen von der Büste in der Hallen,
Glück! Ich habe Krallen. 

„Meine Herren!“, sprach ich sie an, „ Es wäre wirklich wohl getan,
hörten Sie die Botschaft an, die ich hier hab´ für den Poeten!
Ich weiß, ich komme ungebeten, doch lasst mich trotzdem jetzt eintreten.“
Herr Poe und auch sein Goldfisch Schiller: „Meiner Seel´, mein Gott, was will er?“
Vor Poe verbeugt´ ich mich galant, gab ihm den Flügel in die Hand,
„Satanas hat mich gesandt. 

Wie ihr seht, bin ich ein Rabe und hab daher die selt´ne Gabe,
zwischen den Welten und dem Grabe, zu bilden eine feste Brück´,
so bringe gern ich die zurück, wohlbehalten und fast am Stück,
die noch etwas auf der Seele, das sie ewiglich noch quäle,
könnten sie es nicht begleichen. Nie heimisch in den Totenreichen,
immer nur davor. 

Besuch hab´ ich euch mitgebracht, denn heute, just in dieser Nacht,
wird euch die Rechnung aufgemacht, die ihr bis heute nicht bezahlt,
hier hinter meinem Rücken halt ich eine rohe Urgewalt,
sie starb jung, war noch nicht alt. Verstehen werdet ihr sie bald,
eure Frau Eleonore, bracht´ ich her, Ihr tumber Tor.“
Da trat sie hervor, Eleonore. 

Nun ist´s an Poe ganz zu erbleichen, und zu versuchen auszuweichen,
das Hinterzimmer zu erreichen, gelingt ihm nicht, dem armen Wicht,
fliehen wollt´ er, es gelang ihm nicht. Sie verstellt´ ihm den Weg und spricht:
„Im Kindbett bin ich nicht verblichen, an Schwindsucht wollte ich nicht siechen,
nicht wahnhaft durch Asyle kriechen. Doch irgendwie hast du´s geschafft:
Ich wurde früh dahingerafft. 

Der Poet, der eitle Gockel, stellt´ seine Frau nun auf den Sockel,
nun steht sie da auf diesem Ding, dass ihre Tugend er besing,
ihre Zartheit, ihre Schwächen! Verlust droht grausam ihn zu brechen!“
„Statt langer Rede, kurzes Lied, beklagenswerter Verseschmied!“,
zu guter Letzt des Raben Krächzen, „Sie ist hier um sich zu rächen!“
Lenore? Nevermore!

Yours sincerely Eleonore. 

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